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«Digitalisierung ist für arme Menschen eine Bedrohung»

Menschen ohne EDV-Ausrüstung sind benachteiligt. Das zeigt die Corona-Krise. Der Verein «Wir lernen weiter» leistet erste Hilfe und hat seit Ausbruch der Pandemie 1800 Laptops an Hilfsbedürftige verteilt.

11. Mai 2021

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«Firmen können Menschen in Armut helfen, sich in der digitalisierten Gesellschaft besser zurechtzufinden», sagt Tobias Schär, Gründer und Geschäftsleiter des Vereins «Wir lernen weiter». (Bild: Dalia Bohn)

«Faire Chancen in schwierigen Zeiten» lautet das Motto von Tobias Schär, der im März 2020 den Verein «Wir lernen weiter» gründete. Kurz zuvor hatte der Bundesrat wegen der Corona-Pandemie in der Schweiz den ersten Lockdown verhängt. Es war eine aussergewöhnliche Situation. Auch in Schulen waren neue Konzepte gefragt: Computergestützter Fernunterricht oder Home-Schooling lautete das Zauberwort.

Durch einen Zeitungsartikel wurde Schär auf das Thema aufmerksam. Der Wirtschaftsinformatiker fragte sich, was mit den Kindern von Eltern passiere, denen die Mittel für eine zeitgemässe Informatikausstattung fehlten. «Jeder Schweizer und jede Schweizerin sollte Zugang zu einem Mindestmass an EDV-Ausrüstung haben», sagt Schär im Gespräch.

Die Armutsquote in der Schweiz liege bei rund 8 Prozent. Das heisst: 8 Prozent der Bevölkerung verfügt nicht über die finanziellen Mittel, um alle Güter und Dienstleistungen zu erwerben, die es für ein gesellschaftlich integriertes Leben braucht. «Der Zugang zu Informatikausrüstung ist nicht für alle Menschen in der Schweiz gewährleistet», sagt Schär.

Mit dem Lieferwagen vorgefahren

Er ergriff deshalb selbst die Initiative, gründete den Verein «Wir lernen weiter» und begann damit, hilfsbedürftige Personen mit gebrauchten Laptops zu versorgen. Hauptabnehmer sind Familien, die Sozialhilfe beziehen, Menschen mit Migrationshintergrund oder Menschen, die in Erwerbsarmut leben. Gespendet werden die Geräte von Unternehmen, Schulen oder privaten Personen.

Die grösste Spende, die er je erhalten habe, umfasste 270 Geräte und kam von der Schule Uster. «Wir sind mit dem Lieferwagen vorgefahren, haben drei Paletten Laptops verladen und innerhalb eines Tages aufgerüstet», erinnert sich Schär. Die Hypothekarbank Lenzburg spendete vor kurzem 17 Laptops, die sie nicht mehr brauchte. Insgesamt erhielt der Verein bisher rund 2200 Geräte, wovon rund 1800 Laptops wieder an Personen vergeben werden konnten. Die anderen Geräte dienen quasi als Ersatzteillager.

«Am Anfang haben wir die Laptops gratis und direkt den nachfragenden Personen abgegeben», sagt Schär. Doch leider sei es zu einzelnen Missbräuchen gekommen. Deshalb arbeite man heute mit Partnerorganisationen wie Gemeinden, Sozialdiensten oder gemeinnützigen Organisationen wie der Stiftung SOS Beobachter zusammen. «Diese Organisationen können die Bedürftigkeit jeder nachfragenden Person oder Familie professionell prüfen», so Schär.

Hilfsbedürftige Personen unterstützen

Auf der Webseite von «Wir lernen weiter» können Privatpersonen oder Unternehmen ihre Spende über ein Formular anmelden.

Kosteneffizenter «Service Public»

Heute verrechnet «Wir lernen weiter» seinen Partnerorganisationen pauschal 150 Franken für ein ausgeliefertes Gerät. Es gehe aber nicht darum, einen persönlichen Gewinn zu erzielen. «Mit der Pauschale decken wir unsere Aufwände wie etwa die Ausgaben für neue Festplatten, die Miete und Löhne», erklärt Schär. Er amtet seit April 2021 in einem 40-Prozent-Pensum als Geschäftsleiter von «Wir lernen weiter». Zudem hat er eine Teilzeitanstellung als Unternehmensberater beim Berner Unternehmen linkyard. Er sei stolz darauf, mit «Wir lernen weiter» einen kosteneffizienten «Service Public» geschaffen zu haben.

Bis August 2020 führte Tobias Schär das Projekt ganz alleine. Doch die Nachfrage wuchs schnell und er brauchte Unterstützung. Heute kann der Verein insgesamt 80 Stellenprozente selbsttragend halten. Zudem wirkten Freiwillige mit, damit die Aufbereitung und der Vertrieb von 100 bis 150 gebrauchten Laptops pro Monat möglich sind.

Auf die Frage, ob der Verein auch nach der Bekämpfung der Corona-Krise bestehen bleibt, antwortet Schär: «Die Digitalisierung stellt eine existenzielle Bedrohung für die arme Bevölkerungsschicht der Schweiz dar. Die Corona-Krise hat gezeigt, dass ein fehlender Zugang zur Informatikausrüstung eine grundlegende Benachteiligung darstellt. Dieses Problem muss langfristig angegangen werden.»

Firmen haben eine soziale Verantwortung

Er wünsche sich deshalb mehr sozial und digital engagierte Partner wie die Schule in Uster oder die «Hypi» Lenzburg und appelliert an die soziale Verantwortung von Unternehmen. «Firmen können Menschen in Armut helfen, sich in der digitalisierten Gesellschaft besser zurechtzufinden, indem sie ihnen gebrauchte Laptops spenden. Es ist eine materielle Spende, die sehr viel bewirken kann», sagt Schär.

Armut sei ein Tabu-Thema in der Schweiz. «Wir wollen darauf aufmerksam machen und gleichzeitig einen Beitrag zur Lösung des Problems leisten», so der junge Mann aus Merenschwand. Derzeit liegt der Fokus seines Wirkens hauptsächlich auf der deutschen Schweiz. Doch in naher Zukunft sollen auch Gemeinden und soziale Dienste aus der Westschweiz und aus dem Tessin mit Schär und seinem Team zusammenarbeiten. Dem Verein ist es dabei wichtig als Non-Profit-Organisation zu agieren.

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